Deklaratives und prozedurales Gedächtnis

Zuvor haben wir unsere Erinnerung unterschieden in implizites und explizites Gedächtnis. Dadurch konnten wir erkennen, ob Informationen bewusst oder unbewusst abgerufen werden. Es gibt aber noch mehr Möglichkeiten, die Gedächtnisleistung zu unterteilen – bspw. in deklaratives und prozedurales Gedächtnis.

Deklaratives Gedächtnis

das deklarative (also das erklärende) Gedächtnis hält all diejenigen Informationen zum Abruf bereit, die man als Fakten oder Ereignisse beschreiben kann. Dazu gehören bspw. Gegenstände wie ein Kaktus oder Daten wie Geburtstage, an die man sich explizit erinnern kann. Also eigentlich alles, was sich im expliziten Gedächtnis wiederfindet. Zusätzlich zählt man hierzu aber auch die Inhalte des impliziten Gedächtnisses: bspw. ein fehlender oder überflüssiger Pinguin in einer Szenerie.

Prozedurales Gedächtnis

Im Gegensatz dazu speichert das prozedurale (von Prozess/Ablauf) Gedächtnis alle Informationen die zeigen, wie etwas getan wird. Stellen Sie sich bspw. vor, sie stehen unter der Dusche und fangen an, vor sich hin zu pfeifen. Dies tun Sie unbewusst und vollkommen ohne Anstrengung – obwohl das Pfeifen selbst ein komplizierter Prozess ist. Sie mussten nämlich erst lernen, wie man überhaupt pfeift. Und genau diese Art von Informationen wird im prozeduralen Gedächtnis gespeichert.

Wissenszusammenfügung

Das prozedurale Gedächtnis speichert alle Handlungsabläufe, die wir unbewusst vornehmen. Dazu gehören außer Pfeifen unzählige weitere Handlungsabläufe unseres täglichen Lebens. Denken Sie bspw. mal an Autofahren: Sie setzen sich ans Steuer, drehen den Zündschlüssel um und können ohne Nachdenken losfahren. Denn Ihr prozedurales Gedächtnis hat abgespeichert, wann man die Handbremse löst, wo sich die Kupplung befindet, ab welchem Zeitpunkt man das Gaspedal betätigt etc.

Diese einzelnen Wissensteile mussten Sie früher lernen – Sie haben sich sozusagen deklarative Fakten eingeprägt, bis sich das ganze Wissen zu einem Handlungsablauf zusammengefügt hat, den Sie nun automatisch aus dem prozeduralen Gedächtnis abrufen können. Diesen Vorgang nennt man Wissenszusammenfügung. Das Bewusstsein greift bei solchen Handlungssträngen nicht mehr ein.

Kein bewusster Zugang

Das bedeutet aber auch, dass sie zu diesen Handlungssequenzen keinen bewussten Zugang mehr haben. Falls Sie Jemandem beschreiben sollten, wie man vom ersten in den zweiten Gang wechselt, wird es schwer. Oder können Sie auf Anhieb sagen, ob sich die Kupplung links, rechts oder in der Mitte befindet? Man erinnert sich nur an den richtigen Handlungsablauf, wenn man direkt vorm Steuer sitzt.

Fehleranfälligkeit

Da das prozedurale Gedächtnis Handlungsabläufe automatisiert, kann es vorkommen, dass wir automatisch etwas ausführen, was wir vllt. gar nicht wollten. Stellen Sie sich bspw. mal vor, Sie haben mit einer Person besonders viel Kontakt über SMS und jedes Mal geben Sie deren Nummer manuell ein, weil Sie sie nicht speichern wollen (etwa weil sie von einem geheimen Liebhaber ist). Ihr prozedurales Gedächtnis hat mit der Zeit den Handlungsablauf so abgespeichert, dass, wenn Sie eine SMS schreiben, automatisch die Nummer Ihrer Affäre eintippen. Wenn Sie nun einer Freundin mal wieder eine SMS schicken, kann es schnell passieren, dass diese SMS bei Ihrer Affäre landet – falls Sie sich nicht bewusst dazu gezwungen haben, diesmal eine andere Nummer einzutippen.

Effizienz

Dieser Fehleranfälligkeit steht jedoch eine erhebliche Erleichterung bei einer Menge alltäglicher Aufgaben gegenüber. Wenn Sie all Ihre Handlungsabläufe bewusst ausführen würden, wäre Ihr Leben sehr anstrengend. Bei jedem Händewaschen müssten sie sich bewusst machen, dass zuerst der Wasserhahn aufgedreht wird – aber nicht zu viel, um die Umwelt zu schonen, dann die Hände angefeuchtet werden, dann die Seife in die Hand genommen wird, die dann wieder an der Handinnenfläche gerieben werden muss etc.

Zusammenfassung

Unser deklaratives Gedächtnis speichert alle Informationen ab, die Ereignissen oder Fakten zugeordnet werden können und hält diese für den bewussten (expliziten) oder unbewussten (impliziten) Abruf verfügbar. Unser prozedurales Gedächtnis hilft uns dabei, Handlungsabläufe in Wissenszusammenfügungen abzuspeichern und ständig unbewusst anzuwenden. Ohne diese Fähigkeit unseres Gedächtnisses wäre unser Leben extrem anstrengend, weil wir über jede Handlungssequenz nachdenken müssten, bevor wir sie umsetzen.

Quelle

Gerrig, Richard J. u. Zimbardo, Philip G.: Psychologie. 18. aktualisierte Auflage. S. 234f. Pearson Studium. München, 2008.

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