Gedächtnis

Wo sitzt das Gedächtnis?

Das Gedächtnis ist für die Speicherung und Bereithaltung von Informationen zuständig. Wenn wir also bspw. englische Vokabeln gelernt haben und danach mit Jemandem englisch reden – von wo genau werden diese Vokabeln abgerufen?

Die Forschung konnte mit modernen bildgebenden Verfahren ab 1980 nachweisen, dass sich bestimmte Funktionen des Gehirns auch in bestimmten Hirnregionen verortet werden können. So befindet sich das Sprachzentrum relativ weit vorne seitlich im Gehirn und der für das Sehen zuständige „visuelle Kortex“ ganz hinten im Gehirn ziemlich weit unten.(vgl. Riedl, S. 25)

Das Gedächtnis lässt sich allerdings nicht in einer bestimmten Hirnregion lokalisieren. Dazu hatte der Psychologe Karl Lashley (1950) einen wegweisenden Versuch an Ratten durchgeführt: Er entfernte den Versuchstieren in mehreren Versuchsreihen jeweils Teile ihres Gehirns und ließ sie dann durch ein Labyrinth laufen. Zuvor hatten die Ratten den Weg durch das Labyrinth gelernt und wurden bei jedem Durchgang mit Futter belohnt. Durch diese Versuche zeigte sich, dass sich die Ratten – auch nach der Entnahme von Teilen ihres Gehirns – immer an den zuvor gelernten Weg durch das Labyrinth erinnerten.

Lashley folgerte daraus, dass die Erinnerung keinen lokalisierbaren Sitz im Gehirn haben konnte, sondern über das gesamte Gehirn verteilt sein musste. Heute weiß man, dass die Neuronen und Dendriten das Speichermedium für unser Gedächtnis sind.(ebd.) Die Neuronen sind die einzelnen Nervenzellen, aus denen das Nervensystem besteht. Dieses befindet sich überall in der Großhirnrinde verteilt. Damit ist das gesamte Gehirn mit Neuronen gespickt.

Abruf von Informationen

Die einzelnen Neuronen sind durch Dendriten (Nervenbahnen) miteinander verbunden. Diese Nervenbahnen leiten elektrische Impulse über die verschiedenen Neuronen hinweg, die für eine Denkleistung nötig sind. Wenn bestimmte Bereiche des Nervensystems durch wiederholte, gleiche Leistungen öfter stimuliert werden, verändern sich die Nervenbahnen zwischen den Neuronen: sie werden „gefestigt“ und neue Verknüpfungen zwischen nahe gelegenen Neuronen entstehen. Wenn die gleiche Leistung nicht mehr durchgeführt wird, werden die Verbindungen dann mit der Zeit wieder schwächer.

Am besten kann man diesen Vorgang mit einem Beispiel verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, es schneit und der Boden ist mit einer 20 Zentimeter dicken Schneeschicht bedeckt. Wenn nun Jemand über den Schnee läuft, sieht man dessen Fußspuren im Schnee. Läuft danach lange Zeit niemand mehr den gleichen Weg, wird die Spur wieder zugeschneit, bis sie irgendwann verschwindet. Laufen aber noch andere Personen den gleichen Weg entlang, wird die Spur tiefer und breiter. Das ist mit der öfteren Wiederholung einer Gehirnleistung gleichzusetzen.

Und wenn dann schon ein Weg existiert, erkennen wiederum weitere Personen, dass man dort leichter entlang laufen kann und nehmen den gleichen Weg. Das passiert auch mit den Informationen im Gehirn: umso stärker die Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen sind, desto eher werden sie bei Gedächtnisleistungen aktiviert und halten Informationen zum Abruf bereit. Vllt. kennen Sie das auch von sich selbst: wenn Sie sich intensiv mit einem Thema beschäftigen, denken Sie daran in viel mehr Situationen als zuvor.

 

Quellen

  1. Bednorz, P. u. Schuster, M.: Einführung in die Lernpsychologie. 3. völlig neu bearb. und erw. Aufl. Ernst Reinhardt Verlag. München, 2002.
  2. Riedl, Alfred: Grundlagen der Didaktik. Franz Steiner Verlag. Wiesbaden, 2004.

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