Diskurs

Definition

Das Wort Diskurs leitet sich vom Lateinischen diskursus, diskurrere (auseinander laufen) ab. Angewandt auf die Kommunikation zwischen zwei Menschen bedeutet dies, dass zwei Meinungen und vorgebrachte Argumente nicht zueinander passen – also in verschiedene Richtungen „auseinander laufen“. Man muss nun den bisherigen Kommunikationverlauf verlassen und in einen Diskurs miteinander treten, um trotz der auseinander gehenden Meinungen wieder eine Verständigung zu erzielen. Das Ziel des Diskurses ist es somit, kognitive oder soziale Konflikte zu lösen, die aus Meinungsverschiedenheiten entstehen.(S. 139)

Im Alltag wird der Begriff Diskurs ziemlich inflationär gebraucht für alle Situationen, in denen bspw. Lehrer mit Schülern oder Vortragende mit Zuhörern in eine Diskussion treten. Von normalen Gesprächen oder Diskussionen muss man den Diskurs aber strikt unterscheiden. In einer Diskussion geht es immer um ein bestimmtes Thema, zu dem verschiedene Meinungen existieren. In einem Diskurs geht es nicht um ein Thema, sondern um die verschiedenen Meinungen der Diskussion selbst – und um das Finden einer Verständigung in dieser Diskussion. Der Diskurs will also die Störungen in der Kommunikation beheben.

Der Diskurs im e-Learning

Schulmeister (S. 135) bezeichnet den Diskurs als die Königsdisziplin des wissenschaftlichen Lernens. Der Diskurs sei, besonders im e-Learning, unheimlich schwierig umzusetzen – gleichzeitig aber auch sehr wichtig, um höhere Lernziele zu erreichen. Laut Schulmeister (S. 143) gebe es aber viele Klagen von Kollegen, die e-Learning einsetzen, über die Kommunikationskultur im e-Learning; in Chats und Foren komme man über eine flache und chaotische Kommunikation nicht hinaus. Die Lernenden nutzten die Kommunikationsplattformen einfach nicht anspruchsvoll genug.

Probleme mit dem Diskurs

Wer als Lehrender schon versucht hat, mit den Teilnehmern seines Seminars über ein Chat oer Forum in Diskurs zu treten, wird folgenden Problemen (S. 146) ebenfalls begegnet sein:

  1. Die Teilnehmer/Studenten beteiligen sich nicht ausreichend an Online-Diskussionen
  2. Es kommen keine „Threads“ (also Diskussionsstränge) zustande
  3. Die Argumentationen sind flach und kratzen nur an der Oberfläche.

Tatsächlich gibt es eine Reihe von Gründen, die es als unattraktiv erscheinen lassen, sich an solchen Online-Diskussionen in adäquater Weise zu beteiligen: Man investiert Zeit und kognitive Anstrengung, um einen einigermaßen sinnvollen Beitrag zu schreiben, wird dafür aber nicht belohnt. Direkte Anerkennung, die am Gesicht des Lehrenden abgelesen werden kann, fehlt oder Antworten zum eigenen Beitrag bleiben aus. Die Investition war also in der eigenen Wahrnehmung umsonst.

Hinzu kommt die Tatsache, dass es aufwändiger ist, seinen Beitrag in Schriftform zu erstellen, als ihn einfach beim nächsten Treffen mündlich vorzutragen. Die Mühe kann man sich also auch sparen. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Gründe, die Lernende davon abhalten, sinnvolle Beiträge beizusteuern, um Online-Diskurse zu entwickeln: ein fehlender Herdentrieb, wenn sonst kaum noch Jemand Beiträge liefert, die Angst vor eigenen Fehlern oder das Fehlen von Rückmeldungen, die zur Verbesserung des eigenen Lernen führen.

Wäre es unter solchen Voraussetzungen nicht besser, die Methode des Diskurses im e-Learning auszuklammern oder das e-Learning um Präsenzveranstaltungen zu erweitern, bei denen ein Diskurs leichter herbeigeführt werden kann?

Fazit

Man sollte nicht so vehement auf einen Diskurs pochen, wenn sich dieser nur mit erheblichen Schwierigkeiten umsetzen lässt. Denn vllt. ist die Lösung aller Diskurse viel einfacher als gedacht: es kommt nicht immer darauf an, für jeden Diskurs einzelne Verständigungen zu erzielen um auf jeweils gemeinsame Nenner zu kommen.

Wenn man sich mit Argumentationen und Erörterungen zu den verschiedensten Themen befasst, setzt sich mit der Zeit die Erkenntnis durch, dass verschiedene Meinungen (pro- und contra-Argumente) jeweils gut begründet werden können und daher parallel ihre Daseinsberechtigung haben. Man muss nicht immer alle „Konflikte“ – in Form von unvereinbaren Meinungen – lösen, sondern es ist besser, sie zu erkennen, nebeneinander existieren zu lassen und sie zu akzeptieren. Erst dann versteht man auch die Gegenseite und kann für sich selbst jeden Konflikt lösen – indem man einsieht, dass beide Seiten Recht haben.

Quelle

Schulmeister, R.: eLearning: Einsichten und Aussichten. S. 139 ff. Oldenbourg Wissenschaftsverlag. München, 2006.

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